Inklusion im Reitsport
Gemeinsam verstehen. Gemeinsam gestalten.
Warum sprechen wir über Inklusion im Reitsport?
Der Pferdesport gilt seit vielen Jahren als eine der inklusivsten Sportarten überhaupt. Dennoch bestehen im Turnieralltag häufig Unsicherheiten: Was ist erlaubt? Worauf müssen Richter achten? Welche Unterlagen werden benötigt? Wie können Sportler mit körperlicher oder geistiger Einschränkung fair und sicher am Regelsport teilnehmen? Und was bedeutet Inklusion eigentlich für nicht gehandicapte Teilnehmer?
Oft entstehen Berührungsängste nicht aus Ablehnung, sondern aus fehlender Erfahrung und fehlendem Wissen. Hier wollen wir gerne ansetzen.
Wir möchten das Thema Inklusion im Reitsport in Sachsen-Anhalt noch sichtbarer machen und allen Beteiligten mehr Sicherheit im Umgang mit inklusivem Turniersport geben. Ziel ist die Aufklärung gleichermaßen für Sportler mit und ohne Handicap, für Turnierveranstalter, Richter, Meldestellen und auch für Zuschauer.
Dabei geht es nicht um Sonderbehandlung, sondern um faire Voraussetzungen, offene Kommunikation und gegenseitigen Respekt. Viele Veranstalter, Richter, Meldestellen und Sportler möchten unterstützen, wissen aber nicht immer genau, worauf zu achten ist. Gleichzeitig wünschen sich betroffene Sportler vor allem eines: selbstverständlich Teil des Sports zu sein. Mit diesem Beitrag möchten wir erste Einblicke geben, Unterschiede zwischen Para-Sport und Special Olympics erklären, praktische Hinweise für den Turnieralltag aufzeigen und dazu beitragen, Unsicherheiten zu reduzieren.
Was bedeutet Inklusion im Turniersport?
Alle können teilnehmen unter fairen und klaren Rahmenbedingungen. Unterschiede werden zwar berücksichtigt, bewertet wird jedoch ausschließlich die Leistung und nicht die Einschränkung.
Inklusion funktioniert nur gemeinsam. Während Sportler mit Handicap häufig Unterstützung, Verständnis und funktionierende Rahmenbedingungen benötigen, spielt auch das Verhalten aller anderen Beteiligten eine wichtige Rolle. Dazu gehören nicht nur Richter, Veranstalter und Meldestellen, sondern ebenso Mitreiter, Eltern, Helfer und Zuschauer.
Für nicht gehandicapte Teilnehmer bedeutet Inklusion vor allem Toleranz und Offenheit gegenüber unterschiedlichen Voraussetzungen, Verständnis dafür, dass manche Sportler Unterstützung oder mehr Zeit benötigen, gegenseitige Rücksichtnahme im Vorbereitungs- und Prüfungsbereich sowie einen respektvollen Umgang ohne Vorurteile oder Berührungsängste. Ebenso gehört die Akzeptanz zugelassener Hilfsmittel oder unterstützender Maßnahmen dazu.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, einzelne Sportler zu bevorzugen oder Anforderungen zu reduzieren. Ziel ist vielmehr, allen Teilnehmern faire und sichere Bedingungen zu ermöglichen, damit jeder entsprechend seiner Möglichkeiten am Sport teilnehmen kann.
Vorbereitung schafft Sicherheit
Ein gelungener Turnierauftritt beginnt bereits einige Zeit vor der eigentlichen Prüfung. Entscheidend sind eine frühzeitige Abstimmung zwischen Sportler, Trainer, Veranstalter und Richterteam, ausreichend Zeit zur Vorbereitung und Orientierung sowie die Möglichkeit, offene Fragen im Vorfeld zu klären.
Das Handicap sollte vor der Prüfung mit dem Richterteam besprochen werden. Dadurch können realistische Anforderungen geschaffen, Unsicherheiten reduziert und faire Bedingungen ermöglicht werden.
Hier sind insbesondere die Meldestellen ein wichtiger Ansprechpartner. Sie bieten die Möglichkeit, notwendige Abstimmungen zu organisieren und stattfinden zu lassen, ohne den regulären Ablauf der Veranstaltung zu beinträchtigen. Gleichzeitig können sie dabei unterstützen, Informationen frühzeitig an Richterteam und Veranstalter weiterzugeben und so zu einem ruhigen und strukturierten Ablauf beizutragen.
Para & Special Olympics – ein Unterschied
Im Para-Reitsport stehen körperliche Einschränkungen im Vordergrund. Die Sportler werden dabei in sogenannte Grades, also Leistungsklassen, eingeteilt. Erlaubte Hilfsmittel können eingesetzt werden, um gleiche Voraussetzungen zu schaffen. Für den Para-Sport gibt es eigene Wettbewerbe und Wertungen, gleichzeitig ist die Teilnahme am allgemeinen Regelsport ausdrücklich möglich und erwünscht.
Im Bereich der Special Olympics liegt der Fokus auf geistigen beziehungsweise kognitiven Beeinträchtigungen. Hier spielen Teilhabe, Sicherheit, Struktur und Orientierung eine besonders wichtige Rolle. Auch in diesem Bereich gibt es eigene Wettbewerbsformate, gleichzeitig sollen die Sportler selbstverständlich am regulären Turniersport teilnehmen können.
Ziel beider Bereiche ist es, Teilhabe am Pferdesport zu ermöglichen, faire Voraussetzungen zu schaffen und Inklusion als selbstverständlichen Bestandteil des Regelsports zu leben.
Körperliche Einschränkungen – Para Equestrian
Para Equestrian ist die Teilnahme von Menschen mit körperlicher Behinderung am Pferdesport. Damit dies möglich ist, können die Para-Sportler sog. kompensatorische Hilfsmittel benutzen und werden dazu in eine Wettkampfklasse (Gardes) eingetragen. Welche Hilfsmittel verwendet werden können und die Klasse (Grade) legen speziell für diesen Zweck geschulte Klassifizierer im Auftrag des Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten (DKThR) fest. DieseSportmediziner oder Physiotherapeuten erhalten von den Aktiven die notwendigen medizinischen Unterlagenund untersuchen den Sportler persönlich, um zu entscheiden, in welche Wettkampfklasse (Grade) er eingestuft wird und welche Hilfsmittel oder Erleichterungen in den Sportgesundheitspass eingetragen werden.
So können bspw. am Sattel zusätzliche Pauschen befestigt sein, Ausbinder verwendet oder zusätzliche Anweisungen beim Reiten gegeben werden oder es gibt spezielle Stege oder Schlaufen bei den Leinen im Gespannfahren oder Umbauten an den Kutschen.
Bei körperlichen Einschränkungen erfolgt die Bewertung ausschließlich auf Grundlage der gezeigten Leistung. Durch die Einteilung in Grades und die Nutzung erlaubter Hilfsmittel werden faire Voraussetzungen geschaffen. Die Einschränkung selbst hat dabei keinen Einfluss auf die Bewertung.
Damit steht dem Parasportler zum einen die Teilnahme am Regelsport offen und zum anderen gibt es auch Wettkämpfe nur für Parasportler. Das Reiten als Sport für Menschen mit Behinderung ist beim vom Deutschen Behindertensportverband (DBS) als Behindertensportart anerkannt. In Para-Dressur gibt es Weltmeisterschaften unter dem Dach der FEI und sie ist die einzige Pferdesportdisziplin im Rahmen der Paralympics. Der deutsche Para-Leistungssport wird von Pferdesport Deutschland e.V. (FN) organisiert mit eigenem Kader, eigener Nationalmannschaft und einem Bundestrainer.
Geistige Einschränkungen – Special Olympics
Sportler mit geistigen Einschränkungen oder Mehrfachbehinderung sind unter dem Dach der Special Olympics organisiert. Hier stehen zunächst eigens organisierte Wettkämpfe, bei denen die Sportler entsprechend ihrer Level (A, B oder C) in den Disziplinen Springreiten, Dressurreiten, Reiterwettbewerb und Geschicklichkeitsparcours im Fokus. Darüber hinaus ist Teilnahme am Regelsport grundsätzlich möglich, jedoch gibt es aktuell kein geregeltes Verfahren, nach dem Nachteilsausgleiche nachvollziehbar umgesetzt werden können.
Aus diesem Grund stehen bei geistigen oder kognitiven Einschränkungen Struktur, Verständlichkeit und Orientierung im Mittelpunkt. Zusätzlich zu den bekannten Buchstaben im Dressurviereck können bspw. unterstützend gängige Bilder wie Maus, Bär, Fisch, etc.eingesetzt werden. Diese visuellen Hilfen erleichtern die Orientierung und helfen dabei, Aufgaben sicher umzusetzen.
Ebenso kann es sinnvoll sein, Kommandos zu wiederholen oder unterstützend mit einer vertrauten Stimme von außen zu arbeiten. Dies dient der Sicherheit, Motivation und Orientierung der Sportler und stellt keinen Vorteil, sondern einen wichtigen Ausgleich dar. Wie bereits beschrieben bedarf es dazu einer klaren, rechtzeitigen und offenen Kommunikation mit allen Beteiligten, um etwaige Unsicherheiten von vornherein zu minimieren.
Auch bei den Special Olympics gibt es regionale, nationale und internationale Wettkämpfe, bei denen sich die Aktiven messen können. Um bei den sog. Nationalen Spielen teilnehmen zu können, müssen die Sportlerinnen und Sportler zunächst an Sichtungen bei sog. Anerkennungswettkämpfen häufig im Rahmen von Landesspielen teilnehmen. Bei den Landesspielen wird nicht nur geritten, sondern in zahlreichen unterschiedlichen Sportarten (Leichtatheltik, Ballsportarten, Schwimmen etc.) gegeneinander angetreten.
Kommunikation als Grundlage
Die frühzeitige Information gehandicapter Teilnehmer bereits mit Abgabe der Nennung bietet die Möglichkeit, Meldestellen sowie Veranstalter und Offizielle rechtzeitig einzubinden und notwendige Abstimmungen im Vorfeld zu organisieren. Dadurch können Abläufe besser vorbereitet und passende Rahmenbedingungen geschaffen werden.
Hier sind insbesondere die Meldestellen ein wichtiger Ansprechpartner. Sie bieten die Möglichkeit, notwendige Abstimmungen zu organisieren und stattfinden zu lassen, ohne den regulären Ablauf der Veranstaltung unnötig zu stören. Gleichzeitig können sie dabei unterstützen, Informationen frühzeitig an Richterteam und Veranstalter weiterzugeben und so zu einem ruhigen und strukturierten Ablauf beizutragen.
Für die Teilnahme sollten Sportler ihren Sportgesundheitspass mitführen und vorlegen. Im Bereich der Special Olympics sind zusätzlich Ausweis und Klassifizierungsunterlagen erforderlich. Eine frühzeitige Information bereits bei der Nennung erleichtert die Abstimmung und Vorbereitung aller Beteiligten.
Ängste abbauen – gemeinsam wachsen
Viele Unsicherheiten entstehen durch fehlende Erfahrung oder mangelndes Wissen. Fragen wie „Was ist erlaubt?“ oder „Wie gehe ich richtig damit um?“ sind völlig normal. Genau deshalb ist Aufklärung so wichtig.
Fragen zu stellen, sollte ausdrücklich erwünscht sein. Offenheit, Verständnis und gegenseitiger Respekt helfen dabei, Berührungsängste abzubauen und Sicherheit für alle Beteiligten zu schaffen.









